Im Bruchteil einer Sekunde


Es gibt Tage, die fangen perfekt an. Man ist mal nicht mit dem falschen Fuß aufgestanden. Musste nicht erst warten, bis die Schwester im Badezimmer fertig ist, damit man sich das Gesicht waschen kann. Oder war genervt, dass schon wieder die Milch für die Lieblingscerealien leer ist. Kein Familienmitglied morgens mit am Tisch, das einen mit Aufträgen und Aufgaben zuknallt, ehe man so richtig begriffen hat, dass man wach ist und dies kein Alptraum ist. Auch lief mal nicht im Radio eine Schnulze, die die Laune auf den Gefrierpunkt senkt. Kein langes Zögern vor dem Kleiderschrank mit der Frage: Was ziehe ich denn bloß an? Solche Tage, an denen dein Lieblingslied im Radio läuft, und dein anderes gleich im Anschluss, an denen deine Frühstücksflocken einfach herrlich schmecken und du den Kaba richtig dosiert hast, an dem du keine schweren Bücher in deine Schultasche stopfen musst, sondern weißt, dass in der Schule deine liebsten Menschen auf dich warten und die Lehrer keinen Unterricht mehr machen, da du dich nun auf der Zielgeraden befindest, die Noten eh schon gemacht und abgegeben wurden und du nicht überlegen musst, wann und wo und wie du noch die bessere mündliche Note ergatterst. Tage, an denen die Zeit morgens endlich mal reicht, an denen du nicht wieder total abgehetzt in der Schule erscheinst.

Solche Tage gibt es. Doch diese Tage enden meistens im totalen Gefrierfach. An denen dir innerlich plötzlich so kalt wird, dass du das Gefühl hast, deine Seele und deine Stärke zerbersten so leicht wie eine Glasfigur. Im Bruchteil einer Sekunde kehrt sich das himmelhochjauchzende Glück in ein dunkelgrauesbistiefschwarzes Niemandsland um. Und du fragst dich: Was ist zum Teufel nur passiert? Du kannst es nicht beantworten, gerade war noch alles rosarot und flauschig, und im nächsten Moment möchtest du dich einfach nur in einer dunklen Ecke verkriechen und du betest, dass dieser Tag, der so besonders angefangen hat, endlich zu Ende geht. Was habe ich getan? Ich weiß es nicht. Was habe ich nicht getan? Ich weiß es nicht. Doch da ist sie, diese tiefe Enttäuschung und Traurigkeit. Da ist es, das Gefühl, es besser hätten wissen zu müssen. Kleine Gefallen, die man mit gutem Herzen tut, weil man jemand anderen für seine Mühen belohnen möchte, können sich als große Fehltritte herausstellen. Und plötzlich wird man für sein gutes Herz bestraft. Konnte ich es ahnen? Nein. Konnte ich es fühlen? Nein. Doch das Schlimmste ist, es ist geschehen. Und egal, was man auch tut und welche Anstrengungen man unternimmt, letztenendes gibt es Tage, da wird eine Entschuldigung nicht anerkannt. Doch was soll man tun?


Es gibt Tage, die fangen perfekt an. Es gibt Tage, die fangen perfekt an und enden im Desaster.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

630km.

Und am Ende macht alles einen Gin.