but when I'll rise I'll be stronger than ever.

Ich klatsche und alle um mich tun es mit mir, vor mir pfeift jemand begeistert, hier und da stehen Leute auf, manche kramen schon nach ihren Jacken. Ich sitze einfach da, aufrecht und den Hals gereckt, um die Darsteller in ihrem Verbeugungsmarathon zu beobachten. Es steigen Tränen in mir hoch, es kribbelt ganz schrecklich in meinen Nebenhöhlen, sie wollen raus. Dürfen sie aber nicht, na gut, vielleicht ein, zwei. Doch ich bin nicht traurig, im Gegenteil, ich fühle alles mögliche Schöne, so viel in einem Moment, dass es mich fast überschwappen lässt.

Theater hat mich schon immer fasziniert. Ich habe es selbst ausprobiert, die ewigen Proben und das Texte lernen, weiß, wie es ist, wenn der Vorhang sich öffnet und man plötzlich jemand anders ist. Für eine Weile eine Rolle lebt, sich identifiziert, ihre Worte durch den eigenen Körper sprechen lässt, bis man dann wieder irgendwann hinter der Bühne verschwindet. Ich liebte es, mich dadurch einfach auszuleben, meiner Persönlichkeit neuen Raum zu schenken und mal komplett anders sein zu können, wie ich es eigentlich bin. Hinausschlüpfen aus meiner Hülle, hinein in etwas Fremdes, mich einfinden und es mir für eine gewisse Zeit bequem machen, doch den Reißverschluss zu mir selbst niemals zuziehen.

Ich habe es geliebt und gehasst zugleich. Ich hatte Lampenfieber, Übelkeit, schlimmste Versagensängste und das Gefühl, ich habe keine Ahnung mehr von meinem Text. Jedes Mal. Und dennoch stand ich dann plötzlich draußen, hatte meinen Einsatz und war da. Für nen kurzen Moment vergaß ich, wer ich bin. Alles, was mich in dem Moment vorher hinter der Bühne noch so hinunterziehen wollte, ist vergessen. 

Heute: stronger than ever - Raleigh Ritchie


Man ist nicht mehr man selbst, in diesen Augenblicken und dennoch gibt man so viel von sich Preis. Legt seine Seele auf die Bühne, doch nur, weil sie so gut getarnt ist, dass sie kaum jemand sehen kann. 

Der Applaus am Ende ist immer die Krönung. Man klatscht, automatisch. Ob es einem jetzt wirklich überragend gut gefallen hat oder nicht, alleine aus Höflichkeit schlägt man die Hände zusammen. Das ist es auch nicht, obwohl echte Begeisterung natürlich schön ist und gut tut, aber was mich wirklich immer daran so mitgenommen hat, war die Erleichterung. Ich hatte es geschafft, überstanden und womöglich sogar gut gemacht. Ich habe etwas getan, obwohl ich immer Angst davor hatte im Rampenlicht zu stehen, aber ich war dazu bereit, weil ich wusste, wie gut es mir am Ende immer gefallen hat. Am Ende war ich erlöst, weil es doch leichter und besser war, als ich dachte. Jedes Mal aufs Neue. Und irgendwie ist da auch ein bisschen Stolz mit dabei, auch wenn man das bestimmt nie zugegeben hätte, damals.

Beim Applaus lässt man die Hüllen fallen, methaphorisch gesehen. Man ist wieder man selbst, schlüpft zurück in seine Haut und freut sich, nun entgegen zu nehmen, was der Saal voller Menschen einem geben möchte. Dieser Moment ist einfach unglaublich, unglaublich echt.

Wenn ich da nun so sitze, sitze ich als Zuschauer, aber fühle wie ein Darsteller. Ich weiß nicht, ob es ihnen, den Leuten auf der Bühne, wirklich so geht, aber ich denke und erinnere mich an meine Zeiten, stehe für einen kurzen Moment dort oben und bin gleichzeitig so weit davon entfernt.

Ich fühle mich wie damals, irgendwie doppelt am Leben. Einmal durch das, was ich sein kann, aus mir herauszuholen fähig bin, durch das was ich durch jede Rolle über mich lerne und am Ende dann wieder durch das, was ich bin, hinter der Schminke, unter dem Kostüm, das kleine Mädchen, das so große Angst hat(te), zu versagen.

Ich mag es, wenn jemand spielt. Nicht mit mir, aber für mich.
 

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