So sehr dabei

Es reicht. Ich schließe die Augen und nehme den Staubsauger in die zitternden Hände, trete mit dem Fuß den AN Knopf, öffne die Tür und beginne. Es reicht. Klappernd werden die ersten Teile aufgesaugt, ein paar kleine Muscheln und Steine, vom letzten spontanen Strandausflug mit ihm, als nächstes ist sein Tshirt dran, dumpf gluckert es den Schlauch entlang, hätte nie gedacht, dass der Sauger das schafft, aber er weiß es wohl auch: es reicht. Der ganze Raum ist dunkel und Staubverhangen, ich gehe auf die kleine Spinne los, die mir aus einer Dose entgegenkrabbelt, lautlos verschwindet sie in der Tiefe, ihr folgen Fotos, Briefe, ein paar Kerzen und Cookies, ein ganzer Monatvorrat findet seine letzte Ruhe im Beutel. Es ist Verzichten angesagt, egal wie groß die Verführung immer wieder scheint, es reicht. CD´s mit unseren Liedern zerkratzen durch den Saugaufsatz, sie zerbrechen, als wären sie aus Glas, als ich auf sie eintrete, klirrend werden sie eingesaugt, es wird immer mehr, immer leichter mit jedem weiteren Ploppen im Schlauch, Wut, Enttäuschung, Schmerz und Hoffnung, tausend Erinnerungen, alles klebt am Boden, muss erst freigekratzt werden, doch alles ergibt sich früher oder später, erliegt der überraschend großen Saugkraft, es ist fast so, als würde sie immer stärker, der Staubsauger nährt sich regelrecht mit jedem weiteren Stück, gefühlte Tonnen später ist es vorbei. Mit einem unspektakulären Zischen gibt er auf, geht einfach aus und gibt kein Mucks mehr von sich, egal wie hartnäckig ich auf den Knopf eintrete, nichts. Ihm reichts. Ich sinke zu Boden, lege meine Hände auf den warmen Rücken des Saugers und lasse meinen Kopf darauf liegen. Öffne die Augen, alles weg. Sitze in der Leere und sehe nichts mehr. Jede Faser, die mich an dich erinnert hat, befindet sich im Bauch der Maschine unter mir, verbindet sich gerade zu einer nicht so homogenen Masse, verschmilzt.

Es reicht. Das weiß ich.
Aber was ich weiß, weiß oft nur ein kleiner Teil von mir, der Rest schweigt.

Ich öffne die Augen und schwinge meine Beine aus dem Bett, kämpfe kurz gegen die Schwärze vor meinen Augen an und gehe zur Tür, da hängt was. Diese zwei Karten. Sie habe ich vergessen, in meiner Putzaktion gerade, denn sie sind Realität und Gegenwart, anders als der Rest lebende Erinnerung, sie sind für heute. Von dir an mich, zwei Stück, für uns. Clueso, weil er von Anfang an dabei war, weil er uns weiter begleiten sollte.

Ich gehe, ohne dich. 

Heute abend, in ein paar Stunden, bin ich wieder voll dabei. Meine Gefühle werden überkochen, wenn er bestimmte Texte singt, mein Herz wird schwer werden, wenn ich merke, du bist nicht dabei. Ich weiß das und ich werde es nicht unterdrücken. Nicht wie sonst alles im Moment, nicht wie alles, was mir bitter aufstößt. Ich möchte nicht mehr schlucken und danach mit Bauchschmerzen einschlafen, ich will wieder mehr spüren, mehr Emotionen, richtige Emotionen, und wenn es einfach mal traurige sind, ich will so gerne wieder dabei sein. Denn ich war mal so sehr dabei.










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